Lübeck

"Ich bin Paula": Ein Jahr nach dem Coming-Out

"Ich bin Paula. Und wenn jemand damit ein Problem hat, dann ist das sein Problem."
Ein Satz, den Paula Claußen im vergangenen Jahr in ihrer Predigt zum CSD-Gottesdienst in St. Marien sagte - und der heute vielleicht mehr zählt denn je. "Anfangs wäre ich im Boden versunken, wenn mich jemand als trans erkannt hätte; ich wollte lieber unsichtbar sein", sagt die Küsterin von St. Marien und der Laurentius-Gemeinde. "Jetzt ist es so, dass ich klar Stellung beziehe."

Eine Stimme, die immer lauter wurde

Vor einem guten Jahr hieß Paula für die Außenwelt noch Ole, doch im Inneren wurde ihr immer klarer: "Ich will mich nicht länger verstecken." Knapp fünfzig Jahre lang schon meldete sich immer wieder die Stimme von Paula - und die wurde immer lauter. Als Jugendlicher bekam Ole in einer Therapie zu hören: "Das kriegen wir in sechs Sitzungen wieder hin." Doch was genau? Jedes Mal, wenn sich Ole heimlich als Frau kleidete, plagte ihn danach ein furchtbar schlechtes Gewissen. Die "Zeichen" von Paula warf er dann jedes Mal weg, als könne er sie so verbannen. 

Doch Paula bahnte sich immer wieder ihren Weg. "Und dann habe ich zusammen mit Pastorin Anne Müller diese Ausstellung 'This is me' vom Jüdischen Museum mitaufgebaut", erzählt die Küsterin. "Das sind fünfzehn Porträts von queeren Persönlichkeiten, die ihre Geschichte erzählen - und Ole lief dazwischen herum und dachte: 'Scheiße, da könnte ich auch dabei sein.'" Das Identitätsthema drängte sich immer mehr auf. Ole - oder viel mehr Paula - wurde klar: Es ist Zeit, den Mund aufzumachen.

„Lübeck kann trans“

Heute sagt Paula Claußen: "Lübeck kann trans." Denn als sie mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit gegangen ist, war da eine große Welle der Solidarität - im persönlichen Umfeld, auf der Arbeit. "Ich hätte nicht gedacht, dass die den Drops einfach so lutschen", erzählt Paula. Zum Beispiel: Als sie eine Kollegin um ein persönliches Gespräch bat, um vom Coming-Out zu erzählen, befürchtete diese Kollegin anscheinend eine schlechte Nachricht. Stattdessen war die Antwort, als sie hörte, dass Paula trans ist: "Ach so, das ist es nur; ich hatte schon Angst, du würdest jetzt kündigen."

Das Vertrauen, man selbst sein zu dürfen

Paula machte Mut mit ihrer Geschichte im CSD-Gottesdienst. In ihrer Predigt sagte sie: "Irgendwann habe ich es begriffen: Gott hat mich geschaffen und ich bin so, wie Gott mich schuf. Als Transfrau. Mit der Gewissheit, dass Gott meinen Weg mit mir geht, wuchs mein Vertrauen." Ein Plädoyer dafür, das sein zu dürfen, was man ist, egal, ob bi, trans oder cis. Und mit diesem Vertrauen geht Paula jetzt durch die Stadt - gern im Leoparden-Minirock und mit gestyltem Haar. Sie sagt: "Es ist zum Glück wirklich selten, dass einem hier mal unangenehm hinterher gerufen wird." Im Gegenteil: Sie wird immer öfter einfach "Paula" gerufen - und merkt, dass sie sich ohne nachzudenken umdreht, denn jetzt ist Paula ganz natürlich nicht nur ein Teil von ihr - nein, sie ist Paula. Und dass es ihr viel besser geht, hat sie sogar schwarz auf weiß: "Meine Ärztin ist ganz begeistert, denn meine Blutwerte sind im Vergleich zu früher jetzt top" - so ist das wohl, wenn man sich in seinem Körper endlich zu Hause fühlt.

Sonne und Regen - die Welt dreht sich weiter

Dass durch das Coming-Out trotzdem nicht alle Probleme gelöst sind, liegt auf der Hand. "Das Auto geht trotzdem kaputt oder man hat Rücken", sagt Paula. Nach ihrem Outing drehte sich die Welt weiter – für ihre Frau jedoch blieb sie zwischenzeitlich einen Moment stehen. Die Veränderungen forderten viel Kraft. Inzwischen seien beide auf einem guten Weg, erzählt Paula. Manchmal vermisse ihre Partnerin den Menschen, den sie viele Jahre als Ole gekannt hatte. „Dann bleiben meine Paula-Klamotten eben im Schrank, und es gibt Paula unplugged“, sagt sie. „Ich muss eben auch berücksichtigen, dass meine Frau ihre eigene Geschichte mit dieser Veränderung hat.“

Sonne und Regen. Licht und Wolken. Aber wenn dann wieder ein buntes Lichtband am Lübecker Himmel zu sehen ist, weiß Paula: Gott hat wieder seine Regenbogenflagge gehisst. Und alle können sie sehen, die sie sehen wollen.